Tim Wiedemeyer

EIN MÜNCHNER AUF DEN SPUREN VON RORY MCILROY & CO.

Tim Wiedemeyers Erfahrungen bei der Open in Royal Birkdale

Was haben Rory McIlroy, Sergio García, Nicolai Højgaard, Matti Schmid und Tim Wiedemeyer gemeinsam? Richtig, sie sind großartige Golfspieler und haben alle mindestens einmal die Einzel-Europameisterschaft der Amateure gewonnen. Dem für St. Leon-Rot in der Bundesliga spielenden Tim Wiedemeyer ist dieses Kunststück in diesem Jahr in Finnland gelungen und er hat sich dadurch die Teilnahme am ältesten und wichtigsten Golfturnier der Welt, der Open Championship, erspielt. Der Traum eines wohl jeden ambitionierten Golfers, einmal bei der Open abschlagen zu können, ist für den gebürtigen Münchner damit – früher als erwartet – in Erfüllung gegangen. Kurz nach der Open hatten wir die Möglichkeit zu einem Interview mit einem der wohl größten Talente des deutschen Golfsports.

GF&L: Mit ein paar Tagen Abstand: Wie war das Erlebnis „Open“ für Dich?
Tim Wiedemeyer: Mein erstes Major und vor allem meine erste Open werde ich bestimmt nie vergessen, egal was später noch kommt. Als Kind schaut man die Open im Fernsehen und träumt davon, irgendwann selbst einmal dabei zu sein. Dass das jetzt tatsächlich geklappt hat, ist etwas ganz Besonderes. Mit ein paar Tagen Abstand wird einem erst richtig bewusst, was man alles erleben durfte. Ich bin einfach sehr dankbar für diese Erfahrung.

Wie war es genau, Minuten oder Sekunden vor dem ersten Drive?
Ich war überraschend wenig nervös, sondern eher positiv angespannt. Natürlich ist das ein besonderer Moment, wenn man am ersten Tee steht, der Starter den eigenen Namen aufruft und man weiß, dass vor einem gerade Rory McIlroy und Xander Schauffele abgeschlagen haben.

Du hast Dich sehr gut geschlagen, aber den Cut knapp verpasst. Würdest Du trotzdem sagen, Deine erste Open war ein voller Erfolg?
Natürlich wäre ich gerne am Wochenende noch dabei gewesen. Trotzdem überwiegt ganz klar das Positive. Ich habe gesehen, dass ich auf diesem Niveau schon fast mithalten kann und gleichzeitig auch erkannt, in welchen Bereichen ich noch arbeiten muss. Deshalb nehme ich unglaublich viele Erfahrungen und Motivation aus dieser Woche mit.

Was ist das Besondere an der Open?
Es sind viele Dinge, die die Open so besonders machen. Da sind zum einen die unglaubliche Tradition und die einzigartigen Linksplätze. Aber genauso beeindruckend ist das Publikum. Die Zuschauer kennen sich extrem gut mit Golf aus und wissen genau, was auf dem Platz passiert. Das schafft eine ganz besondere Atmosphäre.
Dazu kommt, dass man die ganze Woche von den besten Spielern der Welt umgeben ist. Schon auf der Driving Range ist das etwas Besonderes.
Man sieht aus nächster Nähe, wie gut Rory, Scottie und die anderen den Ball schlagen, wie sie trainieren und wie professionell sie sich vorbereiten. Allein das ist unglaublich lehrreich und eine Erfahrung, die man so kaum irgendwo anders machen kann.
Wie ist es, hinter Rory McIlroy abzuschlagen? Neben Scottie Scheffler auf der Range zu stehen?
Das sind Spieler, die man seit Jahren nur aus dem Fernsehen kennt, und plötzlich steht man mit ihnen auf der Driving Range oder spielt direkt hinter ihnen. Was mich aber fast noch mehr beeindruckt hat, ist, wie freundlich und offen diese Jungs sind. In der Players Lounge sitzt man plötzlich am Nachbartisch, steht gemeinsam am Buffet oder kommt ganz unkompliziert ins Gespräch. Das sorgt dafür, dass die Atmosphäre trotz des extrem hohen sportlichen Niveaus erstaunlich entspannt ist, und zeigt, warum diese Spieler nicht nur sportlich, sondern auch menschlich absolute Vorbilder sind.

Was fehlt Dir noch, um mit den ganz Großen mitzuspielen?
Ich glaube nicht, dass die Lücke riesig ist, aber sie ist natürlich da. Die besten Spieler der Welt machen unglaublich wenig Fehler und treffen unter Druck fast immer die richtigen Entscheidungen. Genau diese Konstanz macht den Unterschied. Die Open hat mir aber auch gezeigt, dass diese Lücke auf jeden Fall aufholbar ist, wenn ich weiter hart arbeite.

„Ich habe gesehen, dass ich auf diesem Niveau schon fast mithalten kann und gleichzeitig auch erkannt, in welchen Bereichen ich noch arbeiten muss.“ – Tim Wiedemeyer

Hat Dich die Teilnahme an der Open weitergebracht?
Auf jeden Fall. Solche Erfahrungen kann kein Training ersetzen. Ich habe gesehen, wie die besten Spieler arbeiten, wie sie sich vorbereiten und wie ruhig sie auch unter Druck bleiben. Gleichzeitig habe ich gemerkt, wo ich schon mithalten kann und woran ich noch arbeiten muss. Das war wahrscheinlich das Wertvollste an dieser Woche.

Wie geht es jetzt weiter?
Ich werde mein letztes Collegejahr auf jeden Fall abschließen. Der Plan ist, im Mai nächsten Jahres Profi zu werden.

Wie realistisch ist es, dieses Ziel zu erreichen?
Im Golf kann man nichts voraussehen und es gibt keine Garantien. Wenn ich aber weiterhin hart trainiere und konzentriert meine Turniere spiele, dann erhöhen sich natürlich auch meine Chancen, irgendwann eine Tourkarte zu bekommen.
Es ist ein sehr schwieriger Weg, aber auf dieses Ziel arbeite ich hin, seit ich zwölf Jahre alt bin. Das Spannende am Golf ist, dass man eigentlich nie fertig ist. Man kann sich jeden Tag noch ein bisschen verbessern. Genau das versuche ich auch und deshalb freue ich mich jetzt erst einmal auf das kommende Jahr.

Tim, vielen Dank für das ausführliche Interview. Wir drücken die Daumen, dass alles so läuft, wie Du es Dir vorstellst und sprechen uns spätestens im kommenden Jahr wieder.
Sehr gerne. Vielen Dank. Ich hoffe natürlich, dass wir uns im nächsten Jahr wieder mit vielen schönen Erlebnissen unterhalten können.

Das Interview führte: Herbert Steffe
Tim Wiedemeyer
Die Wiedemeyers auf der 18 von Royal Birkdale mit dem ikonischen Clubhaus im Hintergrund © privat
Tim Wiedemeyer
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